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Langsam Lesen. Pures Sein.

Was steckt hinter dem Begriff Embodiment?

Autorenbild: Anna Maria Brandl
Anna Maria Brandl
28. Juli
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 29. Juli

Ursprünglich in der Psychologie und den Neurowissenschaften zu Hause, beschreibt er das untrennbare Zusammenspiel zwischen körperlichen Prozessen und unseren mentalen sowie emotionalen Mustern und "Schutz"-Mechanismem, die manchmal in Signalen am und im Körper sichtbar oder spürbar werden. Diese zu begreifen und verstehen zu lernen ist eine wertvolle Fähigkeit, die jedem hilfreich sein kann.


In der heutigen Gesellschaft, sind wir häufig im Hetzen und im Kopf unterwegs, in Rollen und ToDo-Listen, die wir erfüllen sollen oder wollen. Als überreizte Kopfmenschen täte es uns gut täglich bewusst in unseren Körper, ins Spüren und Wahrnehmen zu kommen.


Verweilen, Beobachten, Bummeln, den Blick schweifen lassen, Tagträumen, die Sinne entdecken lassen, was sich in der Umwelt oder der Natur so abspielt. Entschleunigen braucht eine Weile. Selbstvergessen Körper sein, statt bloß im Kopf und nicht schon beim nächsten Ziel.

Die Körperweisheit steckt nicht nur im Kopfgehirn, sondern auch im emotionalen Nervengeflecht des Herzens und im Darmnervensystem. In allen "drei Gehirnen" bzw. Nervengeflechten und verbundenen Strukturen, Geweben, Organen, dort ist die Körperweisheit verwurzelt.

Hier kommt der Ansatz des Embodiments (zu Deutsch: Verkörperung, Körpersein) ins Spiel. Ursprünglich in der Psychologie und den Neurowissenschaften zu Hause, beschreibt er das untrennbare Zusammenspiel zwischen körperlichen Prozessen und unseren mentalen sowie emotionalen Mustern und "Schutz"-Mechanismem, die manchmal in Signalen am und im Körper sichtbar oder spürbar werden. Diese zu begreifen und verstehen zu lernen ist eine wertvolle Fähigkeit, die jedem hilfreich sein kann.


Warum schon allein der Denkansatz des Embodiments die Physiotherapie sinnvoll ergänzt?

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum manche Verspannungen, Nervosität oder Schmerzen ("mir liegt etwas schwer im Magen", "etwas lastet mir auf den Schultern") einfach nicht verschwinden wollen – egal wie oft Sie gedehnt, gekräftigt oder massiert wurden?

Die Antwort liegt dort, wo wir ungerne genauer hinsehen, in gut verankerten Mustern, Denkweisen, Schutzmechanismen aus der Vergangenheit, Glaubenssätzen oder unausgedrückten Gefühlen.


Es gibt einen ähnlichen, bereits etablierten Teilbereich in der Medizin, mit überschneidenden Themen zu Embodiment, die Psychosomatik. Als junge Wissenschaft erforscht sie die Wechselwirkungen zwischen Psyche (von ψυχή psyché „Atem, Hauch, Seele“) und Körper (von σῶμα soma „Körper, Leib“). Als Krankheitslehre berücksichtigt Psychosomatik psychische Einflüsse auf somatische (körperliche) Vorgänge und umgekehrt.

Jahrelang lag der Fokus in der Physiotherapie vor allem auf der reinen Biomechanik: Muskeln wurden gekräftigt, Gelenke mobilisiert und Strukturen isoliert betrachtet, Lebensbereiche, wie Arbeit- und Freizeitsettings, personenbezogene Faktoren (mentale Gesundheit, prägende Erlebnisse) oder Umweltfaktoren (Klima, Infrastruktur) wurden eher ausgegrenzt.

Doch häufig stößt dieses Denk- und Behandlungsmodell an seine Grenzen. Das bio-psycho-soziale Modell wie auch das Treiber-Modell sind bereits erweiterte Versionen von Denkmodellen in der Physiotherapie, die mehrere Treiber/Faktoren von Gesundheit und Krankheit miteinbeziehen und das Spektrum der Behandlungsansätze von Schmerzen und persistierenden Stress-Symptomen erweitern. Diese Modelle animieren bei Bedarf die Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen (Psychotherapie, Ergotherapie, Diätologie, Fach-Ärzt:innen).


So kann Embodiment die Physiotherapie praktisch integriert werden:

Ein ergänzender Embodiment-Ansatz erweitert die klassische Behandlung um wertvolle Tools und Übungen. In der Praxis sieht das beispielhaft so aus:


  1. Wechsel zwischen Innenwahrnehmung und Außenfokus, Achtsamkeit in Bewegung: Weg vom mechanischen Abarbeiten von Übungen („Heben Sie das Bein“), hin zum echten Spüren („Was passiert mit der Atmung während der Bewegung? Wie tut mir die Übungsausführung gut? Mit welchem Atemrhythmus oder in welchem Tempo?“).

    Patient:innen lernen Spannungsänderungen, Schmerz oder den Atemrhythmus im Körper besser wahrzunehmen und zu beeinflussen.


  2. Regulation des Nervensystems: Manuelle Therapien oder Behandlungen werden gezielt mit bewusster Atemlenkung und somatischen Impulsen kombiniert, um den Muskeltonus nachhaltig von innen heraus zu senken. Hilfe zur Selbsthilfe ist ebenso das Ziel, Patient:innen sollen lernen selbst wirksam zu werden und sich in Stresssituationen früher ertappen, sodass nach Möglichkeit bewusst Schritte für eine entschleunigtere wohltuendere Einstellung/Stimmung gesetzt werden.


  3. Die Verbindung von Kopf, Herz und Bauch: Schmerzgeschehen wird im Gesamtkontext betrachtet. Faktoren wie Schlaf, emotionale Belastung oder Alltagsstress fließen direkt in den Befund und die Schmerzedukation mit ein und werden auch als Selbstmanagementstrategien und als zusätzlichen Stellschrauben für eine Genesung und ein verbessertes Wohlbefinden gedreht.


  4. Neue Bewegungsmuster durch Kontext statt Zwang: Statt starrer Haltungsanweisungen („Mach den Rücken gerade!“) wird über spielerische, verkörperte Impulse gearbeitet. Der Körper findet so ganz von selbst zu ökonomischen, natürlichen Mustern zurück bzw. kann auch mal geweint, geknurrt, wilder bewegt oder geseufzt etc. werden, je nachdem, was für ein Gefühl gerade in den Ausdruck findet.


  5. Den Körper bewegen lassen ohne Muster, zB. "nichtlineares Bewegen" (Non-linear Movement Method (c), 5-Rhythmen-Tanz)

    • Nicht-lineare Bewegung: Eine freie, fließende und unstrukturierte Art der körperlichen Bewegung, die nicht starr oder geradlinig abläuft.

    • Lösung von Spannungen: Hilft dabei, chronische Anspannungen und Traumata sanft aus dem Nervensystem zu entlassen.

    • Verbindung von Körper und Geist: Umgeht den logischen Verstand, um körperliche und emotionale Selbstregeneration zu ermöglichen.


Fazit: Veränderung beginnt da, wo der Körper gefühlt wird und nicht bloß der Verstand drüberfährt. Dort wo Gefühle Ausdruck finden, kann sich viel lösen. Embodiment-Praxis ist ein wertschätzendes Experimentierfeld, ein länger gehender Prozess, um wieder mit seinem Körper in Berührung & Balance zu kommen.


Nachhaltige Genesung funktioniert in manchen Fällen nicht allein über den Verstand oder einen bloßen Strukturasatz in der Physiotherapie („Entspann dich mal!“ hilft wenig). Wenn wir lernen die Feinheiten von Körperprozessen, die Wirkung von Atmung, Bewegung und unseren Modus im Nervensystem wahrzunehmen und zu begreifen, verwandelt sich die Physiotherapie von einer reinen Reparaturansatz zu einem echten, ganzheitlichen Entwicklungsprozess. Das eigene Nervensystem besser zu verstehen und schaukeln zu können, besser auf "Was braucht mein Körper gerade?" reagieren zu können, bis es wieder automatischer wird, dass wir Selbstfürsorge in unseren Alltag selbstverständlich leben. Somit wir uns auch im Umfeld wieder ausgeglichen und flexibel fühlen und eine angenehmere Ausstrahlung verbreiten. Denn über Spiegelneurone sind wir nicht vollkommen unbeeinflusst von Stimmungen anderer und umgekehrt. Selbstfürsorge tut also auch den Mitmenschen gut, nicht nur einem selbst.


Haben Sie in Ihrem Alltag oder bei Therapien schon einmal die Verbindung zwischen Stress und körperlichen Verspannungen gespürt? Wie nützen Sie diese Symptome schon als Kompass? Wie reagieren Sie ganz persönlich darauf?



Fachbücher:

The Body keeps the Score - Bessel van der Kolk

Das Erwachen des Tigers - Peter Levine

The Wild Woman Way - Michaela Böhm


Fachkreis & Ausbildungsort im DACH:


 
 
 

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